Fragenziehen #2: Interview mit Gerd Fleischmann

Teil 2 meiner Interviewreihe „Fragenziehen“, mit dem Typograf und Gestalter Gerd Fleischmann. Seinen Vortrag auf der TYPO 2017 hielt er über das Bauhaus und die vermeintliche Bauhaus-Typografie.

Das Spiel geht einfach: Gerd Fleischmann zieht einen Begriff, legt ihn neben die Karte „Schrift“ und antwortet, was ihm dazu einfällt. Assoziativ und schnell.

von Lukas Horn

Schrift & Tradition

Schrift ist eigentlich kein Thema. Schrift braucht man, um etwas festzuhalten. Aber Schrift alleine ist nichts, denn es geht um den Inhalt. Und Tradition, naja, im Deutschen fällt einem natürlich der alte Streit zwischen Fraktur und Antiqua ein. Und da hat Deutschland eine unselige Tradition.

Schrift & Mut

Nur Mut, das stand immer an meiner Butze, dem Dozentenraum. Der hatte eine Glasscheibe. Und aus einem Seminar gab es mal eine Karte, Nur Mut. Das war das, was die Studenten sahen, wenn sie in die Typo kamen. Mit Schrift oder Nicht-Schrift hat das nichts zu tun. Mut ist eine allgemeine Dimension. Und zu Schrift gehört kein Mut. Schrift verwendet man, wie man sie braucht.

Schrift & Rockstar

Für einen Rockstar wird eine Schrift verwendet, die gerade in ist, oder die so schreit, oder so schweigt, oder so singt wie der Rockstar.

Alexander Lech: Gibt es denn eine Schrift, die ein Rockstar ist – also die man im weiteren Sinne als „Star“ bezeichnen könnte?

Naja, es war mal die Meta. Heute wüsste ich nicht, ob eine Schrift wirklich – so wie Anfang der neunziger Jahre die Meta – richtig explodiert und dann da ist. Ich meine, vorher war es die Helvetica, in den siebziger Jahren. Die Futura war natürlich ein Dauerbrenner. Ich erinnere mich an eine meiner ersten Arbeiten, da war ich mit der extrafetten Futura, für die Museen in Dahlem, innovativ. Da hat kein Mensch in Berlin diese Schrift verwendet. Das war Ende der sechziger Jahre. Und Fürst und Sohn hat die Futura extra aus Amerika kommen lassen, um sie setzen zu können. Die gab es hier gar nicht. Die Futura war in Deutschland weit weg.

 

Was zum Teufel ist Bauhaus-Typografie? © Gerhard Kassner (Monotype)

Was zum Teufel ist Bauhaus-Typografie? © Gerhard Kassner (Monotype)

 

Schrift & Du

Schrift und Du … Nach der Rechtschreibung ist es heute erlaubt, dass man Du groß oder klein schreiben darf. Und ich finde, freundlicher ist das du klein, denn das Versal-Du, das ist ja schon wieder Sie.

Schrift & Revolution

Ich wüsste nicht, was Schrift mit Revolution zu tun haben soll. Schrift muss immer auf Konventionen basieren. Und alle Versuche, vor allem in der klassischen Moderne, die revolutionär sein wollten, sind ja gescheitert. Weil unser Auge träge ist und wir seit der Trajan-Säule gewohnt sind, bestimmte Formen zu sehen. Wir haben uns an die deutschen Druckschriften gewöhnt und mussten das wieder umlernen, wenn wir Fremdsprachen lernten. Für Fremdsprachen wurde Antiqua benutzt. Revolutionen im Bereich der Schrift wurden immer wieder versucht, wenn man an Schwitters, Tschichold, Streminsky oder Bill denkt. Die haben alle versucht, neue Figuren zu zeichnen, die angeblich schneller funktionieren. Und Schwitters hat am Ende nicht seine erfundene Schrift benutzt, sondern seine Notizen in der Gabelsberger geschrieben, einer damals weit verbreiteten Kurzschrift.

 
Gerd Fleischmann ist Typograf und Gestalter. Er unterrichtete als Professor in Bielefeld und hatte Lehraufträge unter anderem in Dublin, Halifax, Hanoi und San José. Er gestaltete verschiedene Ausstellungen, die sich mit Ausschwitz und der NS-Zeit befassten und veröffentlichte mehrere Bücher, unter anderem bauhaus. drucksachen, typografie, reklame. In seinem Vortrag auf der TYPO 2017 widmete er sich dem Bauhaus und dessen vermeintlicher Typografie. Ihn begleitete Alexander Lech, der sich mit seinem Büro Hallo für die kulturelle Wiederbelebung Dessaus einsetzt.

 
www.buero-fleischmann.de
www.buerohallo.de

Gerd Fleischmann

Gerd Fleischmann

Typographer (Ulrichshusen)

Born in Nuremberg in 1939. Evacuated to the Bavarian Forest 1943-45. Beginning in 1954, travel across Europe, Turkey and North Africa – from Norway’s North Cape to the Fezzan in Libya. He studied in Erlangen (physics) and Berlin (art and industrial arts teaching, mathematics), including with professors such as Karl Ludwig Schrieber, Fred Thieler, Willem Hölter, Walter Hess, Heinz Hajek-Halke, Carl-Ludwig Furck and Karl Peter Grotemeyer. He set up the first photographic laboratory, along with Klaus (Paul) Märtens and Deidi von Schaewen, in division IV of Berlin’s University of the Arts. In 1965, he began designing books under the pseudonym Lorenz Frank, with his first being Ein Jahr Großgörschen 35. From 1970 – 1971, trusting in the new policies of Willy Brandt (“we want to take a chance on more democracy”), he worked at the Institut für Kommunikationsplanung (institute for communications planning) in Bonn. From 1971 to 2003, he taught in the design department at the Bielefeld University of Applied Sciences, and did guest professorships around the world, including in Dublin (NCAD); Halifax, Nova Scotia (NSCAD); Hanoi (University of Fine Arts) and San José (Universidad de Costa Rica, Escuela de Artes Plásticas). His book bauhaus. typografie, drucksachen, reklame (Edition Marzona) was published in 1984. In 1989, he introduced the Macintosh into the design department. He has designed numerous projects and exhibitions on the Nazi era, including among others Irish Country Posters, Köln im Nationalsozialismus (permanent exhibition of the Cologne documentation centre), and is most recently working on Industrie und Holocaust. Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz (“Industry and the Holocaust. Topf & Sons, the Oven Builders for Auschwitz”). He came to typography accidently and it became his passion.