Bisrat Negassi, Frank Wache: More aphrike

„Wir wissen noch nicht, wie die Reise aussieht, aber wo sie hingeht: Zu mehr Toleranz und Miteinander“ – Grenzen überschreiten, den Blick öffnen für andere Disziplinen und Kulturen zog sich als Thema durch das Gespräch von Johannes Erler mit Bisrat Negassi und Frank Wache.  Zum Auftakt am Freitag der TYPO 16 diskutieren sie ihr Projekt M.Bassy und den Antrieb einen Ort für afro-inspirierte Kultur zu schaffen.

Johannes Erler im Gespräch mit Frank Wache und Bisrat Negassi. © Sebastian Weiß / Monotype

Johannes Erler im Gespräch mit Frank Wache und Bisrat Negassi. © Sebastian Weiß / Monotype

Um „Design im weiteren Sinne“ geht es am Freitag auf der Show-Bühne. Kuratiert von Süpergrüp kommen hier Kreative aus Nachbardisziplinen zu Wort. „Strictly no design!“ warnt Moderator Johannes Erler und erklärt die Motivation dahinter: Als Kreative müssen wir über den Schreibtischrand hinausdenken und uns mit der Welt außerhalb von Grafikdesign und Büroalltag auseinandersetzen. Ganz gemäß dem TYPO-Motto „Beyond Design“ lädt Johannes Erler das Publikum ein, sich auf Musik, Literatur, und alles Sinnliche einzulassen.

Ein Salon für afro-inspirierte Kunst, Mode, Kultur

Den Auftakt dieses Programms macht ein Gespräch mit Bisrat Negassi und Frank Wache, die ihr Projekt M.Bassy vorstellen. M.Bassy ist ein Anfang des Jahres in Hamburg gestarteter Raum für afro-inspirierte Kunst, Mode, Kultur aus der ganzen Welt.

„Es geht also um Afrika“, leitet Johannes Erler ein – aber Afrika, was heißt das eigentlich? Mehr als ein riesiger Kontinent, und ganz sicher kein einheitlicher Kulturraum, stellt Bisrat Negassi klar. Die Modesignerin ist in Eritrea geboren, in Deutschland aufgewachsen, hat viele Jahre in Paris gearbeitet und lebt jetzt mit ihrer Familie in Hamburg.

„Wir sind alle längst multinational“

In Hamburg führt sie außerdem ihr eigenes Modelabel Negassi, und berichtet von ihrer Kundschaft: „Afrikanische“ Mode wird erwartet. Bisrat Negassi versteht sich selber jedoch nicht als Produzentin afrikanischer Mode, sondern stellt klar: „Wir sind alle längst multinational.“ Sie vermisst das Bewusstsein für die Vielfalt und Komplexität unserer kreativen Einflüsse. „Dünn und krumm“ sei unser Bild von Afrika, ergänzt Frank Wache, Grafikdesigner, Inhaber der Agentur Juno und ebenfalls Teil von M.Bassy.
Deshalb geht es bei M.Bassy auch nicht einfach darum, afrikanische Kultur nach Deutschland zu bringen. Vielmehr ist M.Bassy ein Forum für afro-inspirierte Kultur. Der Kulturbegriff ist dabei so offen und divers wie die Biografien der Künstler und Künstlerinnen dahinter, das Programm vielfältig: Performances, Fotoausstellungen, immer wieder Musik als Bindeglied. Ein Video gibt einen kurzen Einblick in das bisher gelaufene Programm von M.Bassy und zeigt vor allem: Begegnungen, Konversationen, Kollaborationen.

Bisrat Negassi und Frank Wache stellen das Programm von M.Bassy vor. © Sebastian Weiß / Monotype

Bisrat Negassi und Frank Wache stellen das Programm von M.Bassy vor. © Sebastian Weiß / Monotype

Bringing more aphrike to the north

Ziel des Projekts ist „bringing more aphrike to the north“ – aphrike, erklärt Frank Wache, kommt aus dem Griechischen und heißt „un-kalt“. Und steht damit metaphorisch für die soziale „Wärme“, für die Begegnungen und Inspirationen, die das Projekt im kühlen Hamburg anfacht. Auch nach Berlin haben M.Bassy musikalische Gäste mitgebracht. Alessandro Sgobbio kommt auf die Bühne und mit ruhigen, warmen Piano-Klängen, punktiert von hektischen Intermezzos und gebrochenen Melodien, versetzt er das Publikum für einen kurzen Moment in den M.Bassy-Salon, und das von Johannes Erler geforderte Einlassen auf das „Sinnliche“ funktioniert.

Gegen Ignoranz und Ahnungslosigkeit

Die Events von M.Bassy finden in einem intimen, wohnzimmerartigen Raum statt. Vorbild ist ein „Salon“, der in einem kleinen Rahmen Austausch und Offenheit ermöglicht. Im Kontext von Pegida und AfD ist ein solches Projekt aber auch immer politisch. Für Bisrat Negassi sind es vor allem Unwissenheit, Ignoranz und Ahnungslosigkeit, die zu Vorurteilen und Extremisierung führen. Den „zu kleinen Blick“ auf Kultur außerhalb der eigenen Erfahrung wollen sie auflösen, sagt Frank Wache. Austausch und Lernen sei wichtiger denn je und Projekte wie M.Bassy umso dringlicher. Motivierend ist dabei für beide die Erfahrung, Teil einer multinationalen Familie zu sein und die Fragen nach der eigenen Identität, die die beiden mittlerweile auch von ihren Kindern hören. „Das Gefühl, das machen zu müssen“, treibt Frank Wache an.

Mehr Toleranz und Miteinander

Wie die Reaktionen bisher waren, will Johannes Erler wissen. „Nur positiv“, berichtet Bisrat Negassi. „Mutig“ finden viele die Arbeit von M.Bassy, doch eigentlich wünscht sich Frank Wacher, dass das verschwindet. Selbstverständlich und natürlich soll sich die Auseinandersetzung mit afro-inspirierter Kultur anfühlen, und nicht wie etwas, das Mut erfordert. Wie genau es weitergeht, wohin sich das Programm entwickelt, ist dabei noch offen und wächst organisch mit jedem Event. „Wie eine Reise“, beschreibt Bisrat Negassi, „wir wissen noch nicht wie die aussieht, aber wo sie hingeht: Zu mehr Toleranz und Miteinander.“

Zum Abschluss des Gesprächs kommt nochmals Alessandro Sgobbio auf die Bühne, diesmal als Begleitung von Sängerin Debra Shaw. In einer kurzen, intensiven Spoken-Word-Performance reflektiert sie über Erfolg, Bescheidenheit und erinnert das Publikum, dass wir alle „part of the journey“ sind, um eindringlich zu schließen mit „we must progress, we must process“.

m-bassy.org
negassi.com

juno-hamburg.com
www.alessandrosgobbio.it

Written by: Kristina Schneider

Speaker Pic

Bisrat Negassi

Fashion Designer (Hamburg)

Bisrat Negassi was born in Eritrea and grew up in Germany. She studied fashion design in Germany, Italy and the USA. She now works in Hamburg and Paris. Negassi describes her designs as “transcultural fashion”. It reflects not only her African roots, but also European and Asian influences. We’ll talk to Bisrat and Frank Wache ( Juno Hamburg & MBASSY Co-Founder) about their joint project to promote African culture “M. Bassy”. From the M. Bassy website: “M. Bassy is about creating a truly international venue in Hamburg to celebrate and share afro-inspired and soulful art, fashion and music from all over the world. Bringing more aphrike* to the North.” *Aphrike means “uncold” and is the name the ancient Greeks gave Africa.
Johannes Erler

Johannes Erler

Graphic Designer, Art Director, Founder (Hamburg)

Johannes Erler was born in 1965 in Hamburg and studied communications design in Kiel. In 1993, he became co-founder and partner of Factor Design in Hamburg, where he grew into one of Germany’s most influential designers. While at Factor Design, he created numerous award-winning logos and editorials for clients from the business and culture sectors. In 2010 he left the company to join Henning Skibbe and Christian Tönsmann in founding the design office ErlerSkibbeTönsmann. From 2012 to 2014, he was also art director of the newsweekly Stern. Erler has written and published a variety of books on design. He is also a popular guest lecturer and speaker at design conferences and colleges, as well as serving on design juries. He lives in Hamburg with his wife and two sons.
Süpergrüp

Süpergrüp

Designers (Germany)

We are Süpergrüp. Together we are going to undertake design and art projects. Süpergrüp is a label, an attitude and a laboratory. Süpergrüp is the quirky question and the odd answer. Süpergrüp is cockiness, beauty and toughness. Süpergrüp is art, culture and collective. Süpergrüp is Mirko Borsche, Johannes Erler, Lars Harmsen, Sarah Illenberger, Eike König, Mario Lombardo and Erik Spiekermann. Süpergrüp. Beyond Design