Young Guns – New Generation Part #2: Harry Keller

An dieser Stelle lenken wir unsere Aufmerksamkeit auf die Talente der neuen Generation, die dieses Jahr außerordentlich gut repräsentiert wird von unseren Sprechern Marlene Schufferth, Harry Keller und Christian Klier. Alle drei sind in Berlin ansässig und in Design-Agenturen, Start-ups und als Freelancer tätig.

Harry Keller: ”Debugging Digital Myths.“ – Oder: ”Digital Misconceptions.“

Das dritte Mal als Sprecher bei der TYPO und auch bekannt als Redner bei diversen anderen Konferenzen, zählt Harry Keller bereits zu den „alten Hasen“ auf der Bühne. Seine Expertise als „Digital Rebel“, (Creative) Developer und sein Talent komplexe Dinge verständlich zu erklären, Strukturen zu durchschauen und kritisch zu hinterfragen, machen seinen Vortrag zu einem Highlight auf der „Stage“ mit großem Publikum.

Fast beiläufig führte er uns über einige Meilensteine seiner besonderen Karriere:

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Angefangen als Developer bei 11Freunde, dann bei Edenspiekermann, wo er einen Beitrag zum Aufbau der digitalen Abteilung leistete und nun bei einem jungen Design, Strategie und Development Startup A Color Bright mit eigenen digitalen Produkten, ist er viel mehr als ein Developer im klassischen Sinn.

“This is no portfolio talk.” – Harry geht es nicht darum seine Projekte zu zeigen, die auf höchstem technischen und gestalterischen Niveau der ersten Liga spielen. Diese sind alle als Case Studies auf den oben verlinkten Websites der Agenturen zu bestaunen. Nein, ihm geht es darum aufzuräumen mit Mythen der digitalen Industrie, veraltete Denkweisen offenzulegen und ein Um- und Neudenken zu fördern.


Scrum ist nicht der Weisheit letzter Schluss. © Bettina Ausserhofer (Monotype)

“There are so many buzzwords and bullshit in the digital industriy.”

Bereits in den vorausgegangen Präsentationen der vergangenen Jahre hatte Harry bereits von agilen Arbeitsmethoden gesprochen und zusammengefasst, dass sie einen großen Vorteil gegenüber einer linearen Unterteilung der Arbeitsschritte bieten. Aber das hält Harry nicht als der Weisheit letzter Schluss: Der Begriff „agile“ sei so inflationär wie bedeutungslos.
Wichtiger ist die Idee, selbstorganisierte Teams aus verschiedenen Disziplinen zusammenzubringen, gemeinsam an Konzepten zu arbeiten und komplexe Aufgaben in kleine Schritte herunterzubrechen – und das zyklisch. Dabei gibt Harry zu bedenken, dass man nicht zu sehr auf den Prozess – wie er z.B. von Tools wie Scrum festgelegt wird – bestehen sollte. Menschen sind wichtiger als der Prozess und das Projekt sollte Spaß machen und nicht in ein Korsett gezwängt werden.

“I think agencies are in trouble.”

Das Problem jedoch, welches sich Agenturen mit nicht-digitalem Hintergrund in Zukunft stellen müssen, ist ein anderes. Agenturen fokussieren sich gern auf die kreative Arbeit und möchten gern ein fertiges Produkt abliefern – denken stark Printlastig. Auf lange Sicht ist das für digitale Produkte bzw. Websites Mist. “In digital nothing is ever done. You can always evolve your product.”
Wenn die Pflege und Weiterentwicklung nicht mit eingeplant wird und es dafür kein Budget gibt, entstehen auf Dauer Leichen: die Website wird nicht in Stand gehalten und der Auftraggeber beschwert sich über plötzlich auftretende Bugs, schlechte Resonanz der User oder fehlende Erweiterungsmöglichkeiten. – “Done projects are like zombies – projects haunt you after they were launched.”

“Start-ups disrupt the usual agencies.”

Gegenüber Agenturen haben Startups und Development Firmen einen klaren Vorteil. Sie arbeiten nicht für einen Auftraggeber im Speziellen, sondern stellen ihr eigenes Produkt her. Statt ein perfektes, fertiges digitales Produkt auf den Markt zu bringen, geht es hier darum schnell online zu sein, um zu sehen wie die User reagieren und interagieren. Daraus ergeben sich Einblicke und Lösungen zur Verbesserung des Produkts, die in die neue Version einfließt und in regelmäßigen Abständen immer wieder neu stattfindet.

Harry Keller

Harry Keller

Developer, Scrum-Master (Berlin)

Harry Keller is a design-minded developer and scrum master, who has worked on websites and apps used by tens of thousands of people every day. With more than a decade of experience he helped to build the digital team at Edenspiekermann in Berlin and is currently working on web products and services at A Color Bright, for clients such as the Red Bull Music Academy and Ableton.

Als Agentur muss man eine Entscheidung treffen: Möchte man sich mit mehr als der Gestaltung und Interaktion digitaler Produkte auseinandersetzen – mit Datensammlung und Datenschutzgesetzen, Social Media Kampagnen, Advertising Retargeting und Bugreports u.v.m. oder möchte man einfach „Impulsgeber“ sein? Gegenüber der ersten Option, bei der die Anforderung der Kunden den professionellen Horizont der meisten Designagenturen überschreitet, ist die letztere verlockend. Man arbeitet nah mit dem Kunden zusammen, ggf. auch mit Developern aus den Reihen des Kunden oder externen Experten der jeweiligen Gebiete. Man gibt als Designer die Richtung vor, befeuert das Projekt mit guten Ideen und exzellenter Gestaltung, und übergibt es schließlich an den Kunden.

“Users should like the product.”

Harry hinterfragt die gängigen Kredos der Branche: “Start small, reduce the complexity, and push it out as soon as possible — to see the users behaviour and get insights.” MVP lautet das Kredo für Effizienz, möglichst wenig Einsatz für ein Maximum an Erfolg (MVP – minimum viable product). Schön und gut. Harry erlebt aber auch die Kehrseite dieser Effizienz: Tolle Ideen werden verworfen, weil die Umsetzung zu viel Zeit in Anspruch nimmt. Die Menschen werden faul und verfallen der Mittelmäßigkeit. Kein Nutzer möchte jedoch schlecht funktionierendes oder ästhetisch ansprechendes App benutzen. Harrys Formel: MVP – minimum viable product = minimum lovable product – MLP.


Wie gehen wir mit der Flut an digitalen Neuerungen um? Starr vor Schreck oder mit Offenheit? © Bettina Ausserhofer (Monotype)

“Nobody has a clue what they are doing – in digital you just try.”

Die digitale Industrie sieht Harry mit ihren Problemen als Herausforderung. Als Developer kann man kein Experte in allen technologischen Bereichen sein, es kommen ständig neue Dinge heraus: neue Programmiersprachen, Tools, etc. Das Erlernen neuer Methoden ist mühsam und gerade erfahrene Developer werden manchmal müde. Das ist schlecht für das Projekt und die Menschen im Team, die weniger offen für Neues sind. Daher sei es wichtig lieber bei einer Disziplin zu bleiben, anstatt sich zu verzetteln. Dies gilt auch für Designer – Programmieren zu lernen ist nicht notwendig.

Puh, das ist eine ganze Menge zum Nachdenken. Mit Eloquenz und Augenzwinkern reflektiert Harry die Reibungen im Arbeitsalltags der Agenturen ganz ohne Bitterkeit. Bewundernswert.

 
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jz